Mittwoch, 5. Februar 2014

Einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Dienstagabend, 4. Februar 2014. VBSG Linie 7, Abfahrt Hauptbahnhof 19.00 Uhr


Marco und ich betreten den Bus. Den Bus zu verlassen ist in St. Gallen vergleichbar mit einem Survivaltraining, ihn zu betreten ist nur wenig einfacher.  Künftige Mitfahrende drängen sich schon vom Perron zur Bustüre, bevor der Bus überhaupt still steht.  Rucksäcke links und rechts, beim Drängeln werden Einkaufstüten und Kickboards herumgeschwungen. Leute zuerst aussteigen lassen? Fehlanzeige! Der Egoismus regiert, einmal Ich-Lingen einfach bitte!

Auf den vordersten 2 Doppelsitzen sitzt je eine Person- nicht auf dem Platz beim Fenster, sondern auf dem Gangplatz. Auf den Sitzen beim Fenster liegt Gepäck.
Auf den nachfolgenden 4-er-Sitzen sitzt ebenfalls je eine Person auf einem der Gangplätze. Auf dem Nebensitz ein Rucksack bzw eine Plastiktüte, die beiden Plätze gegenüber werden durch die kreativen Sitzhaltungen der betreffenden Passagiere ebenfalls belegt.
Insgesamt besetzen 4 Personen also 12 Sitzplätze.

Marco und ich steuern auf den 4-er-Sitz auf der linken Seite zu. Wenn Blicke töten könnten, müssten unsere Kinder sich heute um das Doppelbegräbnis vom kommenden Montag kümmern. (Falls ihr das liest: Weisse Rosen! Und Trudi NICHT einladen!)

Der fein angezogene Herr (ca 50 Jahre alt, Mantel Typ PKZ, Seidenschal, schicke Schuhe, moderne Brille, gepflegte Hände) fühlt sich durch unsere Frechheit Anwesenheit sichtlich gestört. Er belegt nun nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Plätze. Die stillose Rietmann-Plastiktüte auf dem Fensterplatz will übrigens so gar nicht zu seiner äusseren Erscheinung passen.

Marco und ich schauen uns kurz an. Wir verstehen uns.

"Im Rietmannsack sind wohl Goldbarren drin, da braucht man natürlich schon zwei Plätze"

"Tu doch nicht so, er hat sicher zwei Tickets gekauft."

"Oder vier"

"Die heutige Jugend weiss es halt nicht besser"

"Ja schon, aber schweizer Jugendliche besetzen nicht 4 Plätze, das tun nur Balkanjungs"

"Stimmt. Oder Arbeitslose. IV-Rentner. Zu faul zum arbeiten aber dann doch den Bus benützen statt mal ein paar Meter zu gehen"

"Oh schau, es steigen noch mehr Leute ein. Egal. Die sollen alle stehen"

"Ja, wenn man ein Ticket kauft, hat man kein Recht auf einen Sitzplatz, man bezahlt nur für den Transport"

Der Herr verzieht keine Miene, nimmt ein ungepflegtes Taschenbuch aus der Rietmanntüte und beginnt zu lesen

"Leute die zwei Plätze belegen, während andere stehen müssen, sind Analphabeten"

"Klar. Gebildete Menschen wissen, dass man im Bus Platz für andere Fahrgäste machen soll, vor allem wenn der Bus dermassen voll ist wie heute Abend"

"Die fehlende Bildung ist schon ein Problem in der Schweiz. Früher hiess es immer: Egal was du später machen willst, zuerst wird eine Lehre absolviert!"

"Ja, aber heute ist das nicht mehr so. Es gibt auch immer mehr Schulschwänzer. Oder verwahrloste Kinder allein erziehender Mütter, ist ja klar, dass die keine Erziehung mehr geniessen"

"Schlüsselkind halt"

"Eindeutig"

"Schlüssel an einem Stück Schnur um den Hals und auf dem Küchentisch liegt das Münz für ein Brötli beim Rietmann"

"Tragisch"

Kurz bevor wir aussteigen - wir wurden an einen Parteianlass eingeladen- flüstert Marco mir zu: "Und wenn ER auch unterwegs zu diesem Anlass ist? "







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