Samstag, 11. Januar 2014

Liebe Zora.

Liebe Zora,

Vorgestern las ich deinen Blog.
Du schreibst:


"Die letzten Wochen höre ich mehrheitlich von Männern, dass sie nicht (mehr) bereit sind, für Abtreibungen zu bezahlen. Als erstes Argument kramen sie das ehrwürdige „Recht auf Leben“ hervor. Damit stoppt man(n) doch jede kritische Frau! Da werden das Recht auf Leben und besonders die ungeborenen Kinder, hervor gehoben!
In Diskussionen wird schnell klar, dass den meisten Männern der Sinn fürs ungeborene Leben, es sei denn, sie haben ein Kind verloren, fehlt. Wenn ich dann mir wohlbekannte Beispiele, nämlich jene der Ärzte aufzähle, die Müttern mit Risikoschwangerschaften oder Embryonen, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen werden, zur Abtreibung raten, werden die Männer ungeduldig. Das sei natürlich eine ganz andere Sache. Hier gehe es um wertes und um leidendes Leben… Für die meisten Männer scheint klar, dass frau behindertes Leben unbedingt und auf Kosten aller abtreiben darf.
Männer, die gegen Abtreibung sind, besitzen offenbar ein sehr einfaches Bild von Frauen, die ein Kind abtreiben: Sie ist natürlich eine Schlampe/Dreckfotze/Bitch, die einfach nur zu blöd ist, zu verhüten, bzw. Angst hat, dass sie Schwangerschaftsstreifen und/oder einen schlimmen Dammriss kriegt. Dass eine Frau sich Gedanken macht um etwaige Kinder und was sie ihnen bieten kann oder eben nicht, scheint die meisten Männer nicht zu berühren.
Hier kommen wir zur wahren Botschaft der Initiative. Hier geht’s nicht um Finanzen, sondern darum, die Schwangerschaften der Frauen zu kontrollieren und (wieder) zu verdammen. Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise.
Für sie gibt es offenbar nur eines: die heilige (Maria Muttergottes) und die Hure. Nun denn…"

Deine Worte haben mich berührt. Haben mich betroffen gemacht. Nachdenklich. Aber auch traurig.

Auch wenn wir uns noch nie begegnet sind: Du bist mir wichtig. Du bist mir in vielen Situationen so nah, besonders wenn du über deine Familie schreibst. 

Die Beziehung - wenn man denn in unserer Situation von Beziehung sprechen kann, so manche würden ein anderes Wort wählen, aber in meinen Augen haben wir eine Beziehung - zu dir bedeutet mir viel. Ich möchte sie nicht durch allzu harsche Kritik, durch unbedachte Reaktionen oder durch Vorurteile aufs Spiel setzen.
Gerade weil du mir wichtig bist, gerade weil du mir viel bedeutest, schreibe ich dir hier meine Antwort auf deinen Blog.


In deinem Blog hast du vor allem (die) Männer angesprochen. Ich bin zwar kein Mann, aber ich fühle mich trotzdem angesprochen. Erstens weil es um die Initiative geht, über die wir in wenigen Wochen abstimmen. Und zweitens, weil du über die "konservativen und religiösen Kreise" schreibst, zu denen man mich vielleicht zählen könnte.

Zum ersten Punkt: Ich bin gegen die Initiative.
Meiner Meinung nach würde eine Annahme der Initiative die Zahl der Abtreibungen nicht verringern. Frauen, die genügend Geld haben, würden eine Zusatzversicherung abschliessen und der grosse Rest würde wie im Mittelalter Stricknadeln oder fragwürdige Naturheilmittel verwenden, um das werdende Leben zu beenden.
Ich glaube, nein - ich bin fest davon überzeugt, dass die Mehrheit der Frauen sich eine Entscheidung über eine mögliche Abtreibung nicht leicht macht. 

Zum zweiten Punkt: Ich bin nicht "religiös" wenn man die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (Duden: " die Religionen betreffend; zur Religion gehörend; auf der Religion beruhend") wohl aber wenn man die zweite Definition (Duden: "in seinem Denken und Handeln geprägt vom Glauben an eine göttliche Macht; gläubig) verwendet.
Wie auch immer: Auch wenn ich mich zu den konservativen und religiösen Kreisen zählen würde, könnte ich deiner Aussage betreffend Heilige bzw Hure nicht zustimmen.

Welche Bedeutung die Menschenwürde hat, kann man erst eigentlich ermessen, wenn sie verweigert oder angegriffen wird. Sklaverei, Kindesmisshandlung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind erdrückende Beispiele. Es ist niederträchtig, die körperliche Unfähigkeit eines Menschen aus zu nutzen. Ein Mensch ist Person, er hat die Würde der Person, ob er nun die entsprechenden Fähigkeiten und Möglichkeiten hat oder nicht. Die Schwäche/ Unfähigkeit / Ohnmacht eines Menschen auszunutzen heisst, seine Würde zu verletzen. Wir schulden jedem Menschen, die gleiche Achtung, ob ungeboren, behindert, alt oder krank.


Es ist immer unrecht, wenn Menschen ihre Macht und ihr Können ausnutzen, um andere, Schwache, zu benachteiligen.


Die Tatsache, dass der Embryo von der Mutter abhängig ist, ist natürlich vollkommen richtig. Auch ein Säugling kann ohne Hilfe anderer nicht überleben. Unfallgeschädigte können manchmal nur durch Unterstützung von Maschinen am Leben erhalten werden. Menschen mit einer Behinderung brauchen fremde Hilfe. Alte und Kranke kommen nicht ohne andere aus. Darf man all diese Menschen umbringen, nur weil sie nicht alleine lebensfähig wären?

Es ist unlogisch, dass eine Frau, die ihr Kind kurz nach der Frühgeburt umbringt, ins Gefängnis kommt und als Mörderin kriminalisiert wird und die andere, die im gleichen Entwicklungsstadium des Kindes eine Spätabtreibung macht, straffrei bleibt. 

Du schreibst: "Dass zu einer Schwangerschaft zwei gehören, verdrängen die konservativen und die religiösen Kreise."

Ich verdränge das keineswegs. Im Gegenteil. Es ist gut möglich, dass du mit meiner Meinung nichts anfangen kannst, dass du sie weltfremd und konservativ findest. Aber: Ich verdränge nicht, dass zu einer Schwangerschaft zwei Personen gehören.
Die konservativen und religiösen Kreise sind auch nicht (alle) körper/ lustfeindlich. Lies mal das Hohelied 7 in der Bibel. Und...? Hört sich das etwa körperfeindlich an? 
 
Sex ist nicht „Pfui“oder „Lichtaus“ sondern einfach nur toll. Wie
vieles im Leben kann man aber auch echt tolle Sachen total falsch verwenden (denk mal an die Katze zum Trocknen in der Mikrowelle).

Meiner (konservativen!) Meinung nach ist die Sexualität etwas, das in eine stabile Beziehung gehört. In eine Beziehung, in der auch Platz ist für ein Kind, falls die schönen Stunden Folgen haben. Anders gesagt: Wo Zeit und Platz ist für Sexualität, sollte auch Zeit und Platz sein für ein Kind.
Keine Verhütung ist 100% sicher, ausser die Enthaltsamkeit (den speziellen Fall von Maria mal aussen vor gelassen)! 
Ich durfte selbst drei mal dieses Wunder der Schwangerschaft mit erleben. 
Und beim dritten Kind (mein damaliger Mann hat mich verlassen kurz bevor ich wusste, dass ich schwanger war!) fragte mich der Arzt, ob ich denn "unter diesen Umständen das Kind bekommen möchte ....."

Mein Bauch gehört mir. Ja. Aber 9 Monate lang durfte ich aus Überzeugung sagen:
"Liebes Kind, mein Bauch gehört DIR

Liebe Grüsse

Ellen 


 
 











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