Donnerstag, 9. Januar 2014

Ein neuer Anfang....

Die Tage zwischen altem und neuem Jahr vergleiche ich mit meinem Mathematik-Schreibheft in der Schule vor bald 40 Jahren.

 Sobald ich sah, dass das alte Heft bald zu Ende sein würde, schrieb ich noch tüchtig in das Heft hinein. Ich machte grössere Abstände zwischen den einzelnen Aufgaben, damit das alte Heft schneller voll sein würde und ich ein neues bekäme. 

Denn ein neues Heft zu bekommen war für mich immer etwas ganz Spezielles. Wie froh und andächtig schrieb ich dann meinen Namen auf das neue Heft! Wie schön gleichmässig schrieb ich die ersten Mathematikaufgaben hinein - ohne Flecken, ohne Gekritzel - einfach nur schön und sauber! Die Motivation, die Freude auf das neue Heft sorgten dafür, dass die letzten Seiten des alten Heftes rasch gefüllt wurden.

So fühle ich mich manchmal auch heute noch - zwischen altem und neuen Jahr. Weihnachten ist vorbei. Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester sind oft gut ausgefüllt. Mit riesigen Schritten geht es auf ein neues Jahr zu! Womit füllen wir das alte Jahr noch, nur damit das neue Jahr bald da ist? Ein neues, leeres Jahr, das wie ein leeres Blatt Papier, wie ein leeres Schreibheft vor uns liegt. 

 
Was würden Sie auf den Umschlag dieses neuen Jahres schreiben, wenn Sie könnten? Und wie würden Sie schreiben? Andächtig, froh - wie ich es früher in der Schule tat?


Nur allzu rasch waren früher meine guten Vorsätze dahin, und das neue Heft sah aus wie das alte: verschmiert, bekritzelt und mit Eselsohren. Und dann erst die roten Korrekturen der Lehrerin! Erst viel später habe ich begriffen, dass das nicht böse gemeint war. Sie wollte doch nur, dass ich die Mathematik richtig lernte - sie wollte doch nur verhindern, dass sich Fehler einschlichen, die sich dann nicht mehr so leicht würden ausbügeln lassen.

Manchmal - ich gebe es ja zu- habe ich Seiten aus dem Heft herausgerissen, nur um schneller wieder ein neues, reines zu bekommen. Das ging aber nur in der ersten Hälfte des Heftes. Da gab es ja die andere Hälfte jenseits der Heftmitte, die dann immer mitgerissen werden musste, sonst gab es lose Blätter im Heft.

Beim Schulheft war da immer die Gewissheit: Die Lehrerin hat noch unzählige neue Hefte im Schrank. Beim vor uns liegenden Jahr geht das nicht so einfach. Niemand weiss, wie viele Jahre noch vor uns liegen, wie viele neue Jahre wir noch miterleben dürfen.

 Und: Da kann man keine Seiten herausreissen - weder vor noch nach der Hälfte des Jahres. Da werden alle Seiten voll geschrieben, und kein Radiergummi und kein Tintenlöscher der Welt schaffen es, die Geschichten auf diesen Seiten wegzuradieren.

Wenn ich all die Hefte meines Lebens durchlese, gibt es da viele Seiten, die ich schon gern mal herausgerissen hätte. Später habe ich begriffen: Jede einzelne Seite gehört zu meiner Geschichte dazu. Mein Leben wäre nur halb so spannend und nur halb so intensiv, würden diese Seiten heute fehlen. Nicht zuletzt dank genau dieser Seiten bin ich heute die Person, die ich bin.
Freuen wir uns auf dieses neue Jahr, auch wenn wir wissen, dass wir am Ende dieses Jahres auch wieder auf Kratzer, Kleckse und Eselsohren zurückschauen werden.
Ich bin davon überzeugt: es gibt nicht nur Eselsohren in Ihrem neuen Jahr! Es gibt nicht nur Flecken und rot durchgestrichene Fehler. 




 
Freuen wir uns gemeinsam auf das neue Jahr - auf ein neues, unbeschriebenes Heft. Ab und zu sollten wir uns auch gegenseitig einmal in die Hefte hineinschauen (und feststellen, dass beim andern auch Eselsohren dran sind). Lassen wir es auch mal zu, dass da jemand korrigierend, aber liebevoll eingreift. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes 2014!

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