Montag, 23. Dezember 2013

Schnee von gestern. Genau.

Im Jahr 1984 hörte ich erstmals den Namen Nelson Mandela. Im Radio. In einem Lied (obwohl "Lied" wohl nicht das richtige Wort ist für diesen Protestsong)







Ich fragte mich: "Wer is denn eigentlich Nelson Mandela?"

Und ich googelte seinen Namen.

Ah. Nein.

Ich frage mich ernsthaft, wie ich solche Sachen machte, damals ohne Internet. Erschreckend finde ich es auch, dass man sich enorm rasch gewöhnt an Google, Wikipedia und Co und sich nicht oder kaum mehr vorstellen kann, wie es "früher" war.

Holte ich ein Buch aus der Bibliothek um nachlesen zu können, wer Nelson Mandela war? Fragte ich meine Eltern? Wahrscheinlich.

Ah. Nein.

Wahrscheinlich nicht, jedenfalls nicht in diesem Fall, da war ich nämlich knapp 18 Jahre alt und wohnte nicht mehr bei den Eltern zuhause. Und die Jahre zuvor waren die einzigen Fragen, die ich zuhause stellte, wann ich zuhause sein musste und wann es Abendessen gab.

Ehrlich gesagt dachte ich wahrscheinlich ganz einfach: "Ich werde irgendwann schon herausfinden, wer Nelson Mandela ist" und ging jeden Tag ins Krankenhaus, wo ich gerade ein Praktikum absolvierte. Oder ich fragte eine meiner Arbeitskolleginnen. Oder ich las den Namen Nelson Mandela in der Zeitung, denn ein Newsjunkie war ich schon damals.

"Wolltest du auch unbedingt ein Handy, als du 12 warst?", fragte mich mein Sohn vor einigen Jahren.
"Damals gab es noch gar keine Handys", erklärte ich ihm. "Wir hatten zuhause zwar ein Telefon, aber das hing im Flur und da war ein nicht allzu langes Kabel dran, sodass wir stehend im kalten Flur telefonieren mussten"

Später gab es ein Telefon im Wohnzimmer. Es hing nicht mehr an der Wand, sondern stand mit seinem langen Kabel auf dem TV-Tischchen und man konnte bequem auf dem Sofa sitzen, während Oma anrief. Fortschritt. Wahnsinn.

Im Jahr 1979 hatte ich einen Radio-Kassettenrecorder bekommen. Ein grosses, dunkelgrünes Gerät von Philips. Der Recorder stand auf einem Holzbrett am Fussende meines Bettes. Wenn im Radio ein schönes Lied angesagt wurde, hechtete ich vom Stuhl, Bett oder Boden in Richtung Kassettenrecorder, landete auf dem Bauch auf meinem Bett und drückte mit meinen beiden Zeigefingern auf die richtigen Knöpfe, Play und Rec.
Und dann die Euphorie; Endlich DAS eine schöne Lied aufnehmen. Und zugleich der Stress: Stand das Kassettenbändchen in der richtigen Position bereit, genau am Ende des letzten Liedes? Und die Sorgen: Hoffentlich fängt der Moderator nicht so früh mit sprechen an, sodass das Ende des Liedes noch sauber auf der Kassette ist.

Herrlich war sie, diese Kassettenzeit. Wunderbar, sich die schönsten Lieder aus dem Radio hintereinander anhören zu können  - dazwischen immer ein lautes Klackgeräusch.

Und 35 Jahre später ist es immer noch so, dass wenn ich "YMCA" im Radio höre, ich danach gleich "Message in a Bottle" zu singen beginne, weil diese Lieder damals hintereinander auf der Kassette drauf waren.

Schnee von gestern.

Im Jahr 1982, also noch vor dem Free-Mandela-Song, kaufte ich zusammen mit meiner damaligen Klassenkameradin Patrizia ein Interrail-Ticket. Wir hätten damit durch halb Europa reisen können, doch unser Ziel hiess Dinteloord in den Niederlanden. Dinteloord, der Ort meiner Kindheit- der Ort, in dem noch heute meine Oma und der grösste Teil meiner Verwandtschaft wohnen.
Wir reisten via Brüssel und ich weiss noch gut, dass sich die Eltern von Patrizia Sorgen darüber machten, dass wir uns in Brüssel verirren könnten. Dabei mussten wir nur von Gleis 7 auf Gleis 4 wechseln und hatten absolut NICHT vor, in Brüssel etwas anderes zu tun als um zu steigen auf den Zug nach Roosendaal.

Sobald wir in Dinteloord angekommen waren, riefen wir zuhause an. Wir hätten auch aus Paris anrufen können, denn die Rufnummeranzeige gab es damals ja noch nicht, also konnten unsere Eltern auch nicht kontrollieren, woher wir anriefen. Aber auf solche Ideen kamen wir erst gar nicht.

Meine 17 jährige Tochter reiste im vergangenen Jahr zwei mal nach London- einmal zusamen mit einer Freundin, das zweite Mal ganz alleine. Sie hat in dieser Zeit (1 Woche bzw 10 Tage) nie angerufen, aber wir waren per Whatsapp / Facebook miteinander verbunden. Ich musste auch nicht warten, bis die Filme der Kamera abgegeben und entwickelt wurden, sondern konnte 1:1 miterleben, was sie in London sah und erlebte.

Kürzlich fuhren Marco und ich zu Ikea. Ich hatte mein Handy zuhause vergessen - das passiert mir sonst nie.
Pfff.... ich kam richtig ins Schwitzen als ich im Bus twittern wollte und feststellte, dass das Handy wohl noch zuhause in der Küche lag.

Ach was...früher ging es auch ohne Handy, also würde ich diese 2 Stunden bei Ikea wohl auch überleben.
Naja, was soll ich sagen? Ich fand es schade, dass ich keine Fotos von den neuen Stöffchen machen konnte (für meine Freundin Paola, wir whatsappen uns #ausgründen immer mal wieder die neuen Stoffmuster von Ikea zu). Und ich fand es doof, dass ich meine Tochter nicht darüber informieren konnte, wo wir uns später treffen würde. Zum Glück hatte Marco ja sein Handy mit dabei und konnte er Svenja mitteilen:"14.30 Uhr vor der Bäckerei Kuhn?" Svenja, die zu diesem Zeitpunkt noch zuhause war, schrieb zurück: "Ok"
Ich packte die Gelegenheit beim Schopf, nahm Marcos Handy und schrieb: "Hee Svenja, Mami hier. Kannst du dann auch bitte gleich mein Handy aus der Küche mitbringen?"


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