Sonntag, 7. Juli 2013

Die ganz normale, alljährliche Massenhysterie

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte auf keinen einzigen Ferientag verzichten und auch kein Plädoyer für ein ferienloses Leben halten. 


Manchmal frage ich mich aber ernsthaft, ob die ganze Hysterie um das Thema Urlaub noch normal ist. Und gesund. 
Dieser Urlaubstrieb. Oder Urlaubszwang oder wie immer man das, was da jährlich wieder über die Bühne geht, nennen möchte.
Was geschieht da eigentlich mit uns, immer bevor "die Ferienzeit" anbricht? 
Menschen, denen im täglichen Leben schon kleinste Veränderungen oder Abweichungen vom Alltagstrott Probleme bereiten, schmeissen plötzlich all ihre Überzeugungen über Bord und stürzen sich in das Unbekannte - und das auch noch gleichzeitig mit Tausenden und Abertausenden, für die ebenfalls zufällig gerade "die Ferienzeit" beginnt.
Menschen, die zuhause ohne ihre Kaffeekapsel zu nichts fähig sind, die selbst für Kurzstrecken das Auto nehmen, die sich wöchentlich professionell maniküren lassen und im Bad jeden Morgen mindestens eine halbe Stunde für die Fassadenrenovation benötigen, können wie auf Kommando "Aaaaaachtung, Urlaub!" auf all diese Annehmlichkeiten und Gewohnheiten verzichten - und das auch noch freiwillig. 
So rasch wie nur möglich verlassen sie Haus und Herd. In allerbester Stimmung. Fast schon euphorisch.
Einmal vor Ort mühen sie sich damit ab, grosszügig und freundlich rüber zu kommen.  
Es ist wieder Ferienzeit. 
Natürlich hat jedes Volk das Recht auf eine heilige Kuh. 
Vielleicht sorgt das für ein gutes Gefühl ausserhalb der Ferienzeit. 
Für ein Urlaubsgefühl im Alltag.








Mit dem Fanatismus durchgedrehter Lemminge ziehen sie an Orte, die sie noch nicht kennen.  

Immer wieder toll - und cool für die Fotos auf Facebook -  exotische Menschen kennen zu lernen  - und wenn  es nur der lustige Kellner mit den Rastazöpfchen oder der leidenschaftliche, bunt angezogene Trommler aus der Hotelbar ist. 
Der Taxifahrer mit den gelben Zähnen. Die Hotelswimmingpoolaufsicht, die zuhause wahrscheinlich nicht mal eine Dusche hat.
Oft Menschen, über die man in der Heimat bloss die Nase rümpft.
Man könnte ja auch zuhause exotische Kontakte knüpfen. Einen Mittagstisch für Asylsuchende besuchen oder bei einem Sprachkurs für somalische Frauen reinschauen. All das gibt es  vor der Haustüre.
Aber nein, ausserhalb der Ferienzeit bewegt man sich lieber in den eigenen Kreisen. 


Aber vielleicht können wir die Liebe zu den fernen Ländern etwas näher an uns heranlassen. Dann, wenn keine Ferienzeit ist. Das ganze Jahr hindurch den Spanier an der Bushaltestelle freundlich anlächeln. Die Bustüre offenhalten, wenn die Türkin mit wehenden Kleidern und 3 kleinen Kindern fast den Bus verpasst. 
Das ganze Jahr so grosszügig und zuvorkommend sein, wir wir es in der Heimat dieser Menschen während der Ferienzeit sind und uns für ihre Kultur und ihre Traditionen interessieren.









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