Donnerstag, 25. Juli 2013

die ganz grosse Liebe

Manchmal zähl ich morgens die Rücken meiner Liebsten. Es sind viele. Sehr viele.

Und sie vermehren sich manchmal. Ganz plötzlich über Nacht sind einige der kleinen Lücken verschwunden.


Ich liebe Bücher seit ich lesen kann. Und eigentlich auch vorher schon, da meine allerliebste Oma sich oft die Zeit für mich nahm und mir vorlas. Diese Zeiten mit Oma gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Auf Omas Schoss zu sitzen, mich in sie hinein zu kuscheln und ihre liebevolle, sanfte Stimme zu hören - jetzt, wo ich das so schreibe, kann ich ihr Kölnisch Wasser fast schon riechen und der Duft vermischt sich wie vor 45 Jahren mit jenem ihrer Haare und ihres Wohnzimmers.



Meine liebste Oma war es auch, die mich schon früh lehrte, den Büchern Sorge zu tragen. Während des 2. Weltkrieges hat sie, die in den Niederlanden wohnt, zusammen mit meinem lieben Opa sieben Juden ein Zuhause geboten - sofern man einen kleinen, feuchten Keller denn überhaupt "Zuhause" nennen kann. In
dieser Zeit hatten meine Grosseltern selbst schon einige Kinder und mussten wirklich mit wenig Mitteln auskommen. Oma hat noch immer die Kinderbücher aus dieser Zeit - die Kinderbücher, die die kleine Judith genau so in den Händen halten durfte wie später meine eigene Mutter und deren Geschwister und wie Jahre später auch meine Cousins, Cousinen, meine Schwester und ich.

Wenn ich Oma heute besuche, frage ich immer nach diesen Büchern. Ich streichle ihre Seiten, wie wenn ein Stück meiner Kindheit darin verborgen liegen würde. Noch immer kenne ich die Geschichten auswändig.
Sie auch.

Sie wird in einigen Wochen 105 Jahre alt.

Bücher sind meine ganz grosse Liebe. In meinem Leben gab es so manche Masche. Es gab eine Windowcolorzeit, eine Serviettentechnikzeit, eine Scrapzeit, eine Ichtragebirkenstockinallenfarbenzeit ... all diese Beschäftigungen und Sachen haben mir viel Spass gemacht, aber alles war nur eine Phase. Geblieben sind meine Bücher.

Dass in unserer Familie alle gerne lesen, macht mich richtig glücklich. Klar gehen wir manchmal wandern oder picknicken. Ins Kino oder in den hauseigenen Garten. Klar spielen und basteln wir regelmässig. Bei uns zuhause wird auch viel gesungen und musiziert. Aber so richtig glücklich bin ich, wenn ich mit einem Buch auf dem Sofa liege, um mich schaue und links und rechts  Mann und Töchter sehe, ganz vertieft in einem Buch. Die Jungs sind schon zuhause ausgezogen, aber auch sie haben stattliche Bücherregale. Wunderschön.

Es gibt Bücher, die mich so fesseln, dass ich darin lese, während ich warten muss, bis das Bügeleisen heiss ist. Manchmal lebe ich so sehr IN und MIT dem Buch, dass ich verstört aufschaue, wenn das Telefon klingelt. "Was ist das? Ein Telefon? Das gibts ja noch gar nicht im Mittelalter!" Oh warte. Es ist 2013 und ich bin zuhause und nicht in einer pestverseuchten Stadt.

Manchmal fragen mich die Leute nach meinem Lieblingsbuch. Und da muss ich dann passen. Es gibt so viele tolle, wunderschöne, spannende Bücher. Wenn ich ein Lieblingsbuch nennen müsste, würde ich all den anderen tollen Autoren nicht gerecht werden, die mehr oder weniger zufällig nicht das genannte Buch aber dafür ein genauso schönes, spannendes, fesselndes, anderes Buch geschrieben haben.

Bücher sind meine ganz grosse Liebe. Hoffentlich für immer.

PS: Auf dem Foto sind nicht alle meine Bücher drauf. Da fehlt mir ein Weitwinkelobjektiv:) Zudem haben wir in allen Zimmern Bücher. Ausser auf dem Klo. Da beeile ich mich aber auch immer, weil ich ganz schnell weiterlesen möchte.



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